Interview mit Chiara Scherrer

9. April 2019

Im Sog von Fabienne Schlumpf entwickelt sich mit Chiara Scherrer eine neue Schweizer Laufhoffnung im Hindernislauf. Die 23-jährige qualifizierte sich letztes Jahr erstmals für die Europameisterschaften der Aktiven und wurde im Dezember an den U23-Crosseuropameisterschaften nach einem beherzten Rennen starke Vierte.

Seit deinem Trainerwechsel zu Michi Rüegg, dem Trainer von Fabienne Schlumpf, ging es bei dir leistungsmässig steil bergauf. Welches sind in deinen Augen die wichtigsten Stellschrauben, die geändert wurden und zum Leistungssprung führten?

Ich denke, dass die folgenden drei Änderungen dafür verantwortlich sind: Erstens habe ich den Umfang gesteigert und laufe seither deutlich mehr Kilometer. Waren es früher rund 30 Kilometer, sind es jetzt nach einer kontinuierlichen Steigerung rund 80 Kilometer. Die Verbesserung der Kapazität spüre ich direkt im Rennen: Ich kann das Wettkampftempo länger hoch halten. Zweitens habe ich begonnen, wöchentlich ein regelmässiges Krafttraining mit dem eigenen Körpergewicht oder leichten Gewichten durchzuführen. Und drittens stehen nicht mehr Kurzsprints oder Reaktionsübungen auf dem Programm, sondern Koordinationsläufe über 150 bis 200 Meter in sehr hohem Tempo. 

Dein Fernziel sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. In welchen Bereichen musst du dich noch entwickeln, und wie gehst du dies ganz konkret an? 

Die Grundlagen sind da. Ich muss mich einfach noch auf allen Ebenen weiterentwickeln und vor allem Erfahrungen sammeln. Das Ziel muss sein, Konstanz zu finden und gute Zeiten zu laufen. Ich bin überzeugt, dass wenn ich das Training so weiterführe und den eingeschlagenen Weg weitergehe, kommt es gut.

Als angehende Physiotherapeutin und Athletin dürftest du in manchen Situationen verschiedene «Herzen» in dir tragen. Welche drei Tipps würdest du aus medizinischer Sicht an ambitionierte Sportler weitergeben? Welche drei aus Athletensicht?

Meine Tipps aus medizinischer Sicht:

  • Absolviere zwei Mal pro Jahr einen Leistungstest, um die aerobe und anaerobe Schwelle zu bestimmen und trainiere dann in den richtigen Intensitätsbereichen.
  • Gehe zur Verletzungsprophylaxe regelmässig in die Physiotherapie und schenke der Erholung und deinen Füssen die nötige Aufmerksamkeit.
  • Ersetze mit gutem Gewissen die eine oder andere Einheit durch Alternativtraining (zum Beispiel Aquajogging, Rennrad oder Schwimmen).

Meine Tipps aus Athletensicht:

  • Sei offen und ehrlich mit dir und deinem Trainer, wenn etwas schmerzt oder du dich müde fühlst. Denn ohne Gesundheit geht es nicht.
  • Plane deine Saison sinnvoll. Das hilft, dass du im Training fokussiert und motiviert bleibst.
  • Sorge für ein gutes Umfeld, indem du optimierst, was möglich und beeinflussbar ist.

Welches sind in deinen Augen die wichtigsten Punkte, die zum Erfolg führen?

Das ist sehr individuell und der Erfolg setzt sich aus ganz vielen Mosaiksteinen zusammen. Ganz entscheidend ist aber, dass man regelmässig und verletzungsfrei trainieren kann, dass man an sich und die Sache glaubt, und dass man mit Spass und Freude bei der Sache ist. 

Gibt es einen Geheimtipp, den du uns preisgeben kannst? 

Visualisiere das Mögliche und sorge so dafür, dass es auch eintrifft. Ich arbeite viel mental und habe damit äusserst gute Erfahrungen gemacht. Ich stelle mir beispielsweise am Abend im Bett oder auf dem Weg an den Wettkampf genau vor, was möglich ist, und schaffe mit der richtigen Einstellung die Basis für den Erfolg.