Interview mit Florian Neuschwander

21. Juli 2017

Florian Neuschwander gilt als junger Rebell in der deutschen Laufszene. Der 36-jährige startet über alle Distanzen zwischen 800 m und Ultra Marathon und tut einfach das, wonach er am meisten Lust hat. Und das tut er richtig gut.

In deinem Palmarès stehen Siege und Streckenrekorde bei kurzen wie bei langen Laufveranstaltungen. Welches sind in deinen Augen die drei wichtigsten Trainingsprinzipien, die zum Erfolg führen?

Die drei wichtigen Trainingsprinzipien sind meiner Meinung nach:

  • Spass am Sport. Ich bin schon über 20 Jahre dabei und habe immer noch mega viel Spass an dem, was ich mache. Ich suche mir neue Herausforderungen und neue Rennen aus, so wird es nie langweilig und bleibt abwechslungsreich.
  • Ruhe bewahren in allen Dingen: Man sollte auf jeden Fall immer Ruhe bewahren. Nicht von Anfang an zu viel wollen. Ich bin schon lange im „Geschäft“ und weiss, was ich meinem Körper zumuten kann. Wenn ich Leute sehe, die quasi direkt nachdem sie mit dem Laufen begonnen haben schon auf Marathon oder sogar Ultradistanzen wechseln, dann kann ich nur den Kopf schütteln. Die Verletzungen sind dann fast vorprogrammiert, weil der Körper meistens einfach keine Grundlage hat. Ich laufe Ultras auch erst seit ca. 6 Jahren. Vorher habe ich 14 Jahre eher kürzere Distanzen absolviert. Wenn es mal nicht so läuft und man z.B. krank ist, sollte man auch einfach mal eine Woche pausieren! Die meisten können das nicht, weil sie einem Trainingsplan folgen und sie setzen sich dadurch zu krass unter Druck!
  • In Übergangsphasen, in denen keine wichtigen Wettkämpfe anstehen, einfach mal anders trainieren. Andere Sportarten ausprobieren und einfach mal auf das Kilometerfressen verzichten. So mache ich es momentan. Seit ca. 9 Wochen laufe ich nur ca. 60 km pro Woche, weil bis jetzt kein krasser Wettkampf angestanden hat. Ich mache jetzt erst mal einen Mitteldistanz Triathlon. Danach geht die richtige Laufvorbereitung wieder los und im Herbst/Winter stehen dann erst wieder meine Highlights auf dem Plan.

Dein Lebensstil und dein Erscheinungsbild unterscheiden sich stark von jenem der anderen bekannten erfolgreichen Läufern. Wo gibt es trotzdem Parallelen? In welchen Bereichen wählst du bewusst andere Wege?

Ich bin so wie ich bin und mache nichts bewusst. Ich sehe so aus, weil ich so aussehen will. Was andere darüber denken, ist mir eigentlich ziemlich egal. Hauptsache es gefällt mir. Auch Parallelen zu anderen Läufern interessieren mich recht wenig. Ich vergleiche mich nicht. Ich zieh mein eigenes Ding durch.

Du läufst wöchentlich zwischen 160 und 200 Kilometer. Kannst du uns aufzeigen, wie eine typische Trainingswoche bei dir ausschaut, welche Trainingsformen zur Anwendung kommen?

Momentan laufe ich wie gesagt seit ca. 9 Wochen nur so 60 km pro Woche. Eine Sommerpause sozusagen. Ich streue kleine Wettkämpfe (5 km, Berglauf, Triathlon) ein, um in Form zu bleiben. Die 160 - 200 km werden aber wieder kommen. Dann aber erst wieder ab September. Das Jahr ist noch lang genug, und wenn ich im Oktober/ November bei meinen Highlights fit sein will, dann reicht es, wenn ich ca. 10 Wochen vorher mit dem Kilometerfressen beginne. Bestimmte Trainingsformen habe ich nicht. Ich versuche auf die Kilometer zu kommen und jetzt speziell viel im Gelände zu trainieren, weil es im Herbst/Winter fast ausschliesslich Trailwettkämpfe werden sollen.

Im vergangenen Jahr hast du erstmals auch erfolgreich am Jungfrau-Marathon teilgenommen und den 8. Rang belegt. Welche Vorbereitungs- und Wettkampftipps kannst du den Läufern mit in die spezifische Vorbereitung des Marathons geben?

Ich habe dafür trainiert wie für einen normalen Marathon. Hier in Frankfurt kann ich wenig Höhenmeter sammeln. Ab und zu ein paar im Taunus. Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich natürlich so viel wie es geht im Gelände und am Berg trainieren. Mal so 1000 HM am Stück hochzulaufen, wäre eine top Trainingseinheit, aber das kann ich hier eben nicht. Für den Jungfrau einfach einen normalen Marathon Trainingsplan machen und in Dauerläufen möglichst viele Höhenmeter sammeln. Zudem auch mal einen Berglauf als Test einstreuen. Ausserdem auch ganz wichtig: Auch mal das power hiken üben! Gerade nach Wengen hoch und am Ende des Marathons ist es teilweise so steil, dass es sich anbietet, nicht zu laufen und stattdessen zu power hiken, was Energie spart und in ganz steilem Gelände effizienter ist als laufen!

Gibt es einen Geheimtipp, den du uns preis geben kannst? Ein Schlüsseltraining, einen Ernährungs- oder Techniktipp zum Beispiel?

Nein, eigentlich nicht. Habt Spass am Laufen. Nicht verkrampfen. Wenn eine Trainingseinheit oder mehrere mal ausfallen durch kleine Verletzung, Krankheit etc. einfach den Kopf ausschalten. Keine schlechten Gedanken machen, dass die Form jetzt flöten geht oder so was in der Art. Das stimmt alles nicht. Wenn die Grundlage stimmt, kann man ohne Bedenken auch mal 1- 2 Wochen pausieren und verliert trotzdem so gut wie gar nix an der Form. Bei mir ist es auf jeden Fall so. Wenn du mal keinen Bock auf Laufen hast, dann lass es einfach. Steig mal aufs Rad, kraxle einen steilen Berg hoch oder unternimm was Schönes mit deinen Freunden. Das Training sollte man einfach so abwechslungsreich wie möglich gestalten. Dann macht es mehr Spass und bleibt spannend. Genau so auch die Wettkämpfe und Rennen. Nicht immer das Gleiche machen! ;-)