Interview mit Marcel Hug

15. November 2016

Der aktuell erfolgreichste Behindertensportler der Schweiz wurde 1986 mit einem offenen Rücken (Spina bifida) geboren. Im Alter von 10 Jahren startete er zum ersten Mal an einem Rollstuhlrennen. Seither gewann Marcel Hug mehrere olympische Medaillen sowie Titel an Welt- und Europameisterschaften.  

An den Paralympischen Spielen von Rio hast du dir mit den gewonnen Gold-Medaillen einen grossen Traum erfüllt. Insgesamt gewannst du sogar vier Medaillen: zwei silberne und zwei goldene. Wie hast du diese Spiele und deine Erfolge erlebt? Was für Emotionen kommen in dir hoch, wenn du zurückdenkst?  

Ich habe natürlich sehr gute Erinnerungen an Rio 2016. Die Spiele waren, soweit ich es beurteilen kann, gut organisiert. Einzig die Eröffnungs- und Schlussfeier haben mir nicht so gefallen. Mein persönliches Highlights waren natürlich der Gewinn meiner zwei Goldmedaillen. Damit konnte ich mir einen langen Traum erfüllen. 

Du startest über Distanzen von 800m bis zum Marathon. Kannst du uns einen Überblick geben, wie du dein Training gestaltest?  

Die Marathons konzentrieren sich auf den Frühling und den Herbst. In dieser Zeit trainiere ich vermehrt auf der Strasse lange Distanzen. Vor diesen Marathons mache ich je eine Woche einen extrem harten Marathon-Block. In dieser Woche absolviere ich bis zu fünf Trainings-Marathons, um mich anschliessend zu erholen und fit zu sein für die Marathons. 

Im Sommer sind dann die Bahnrennen im Fokus, wobei sich das Training von der Strasse auf die Bahn verlagert. 

Grundsätzlich trainiere ich sechs Tage die Woche, bis zu drei Einheiten am Tag. Nebst den Trainings im Rennrollstuhl kommen 2-3 Krafttrainings, ein Konditions- und Koordinationstraining in der Turnhalle dazu sowie ein Training in einer Ausgleichssportart (z.B. Handbike oder Langlaufen). Nebst dem Training ist natürlich auch die Erholung sehr wichtig. So gehe ich regelmässig in Massagen oder in die Kältekammer. 

Trotz Behinderung schaffst du es, seit vielen Jahren Resultate auf Top-Niveau abzuliefern. Welches sind deine Tipps für all jene, die mit einem körperlichen Leiden zu kämpfen haben?  

Für mich hat die Behinderung keinen Einfluss auf meine Top-Resultate. Mein Grundsatz lautet, dass jeder mit seinen Möglichkeiten die er/sie hat, das Bestmögliche daraus machen kann, ungeachtet ob Rollstuhlfahrer oder nicht. Somit ist es schwierig, einen Tipp zu geben, ausser dass man stets an sich und seinen Möglichkeiten glauben und arbeiten soll. 

Du bist auch bei grossen Marathons wie zum Beispiel in Berlin, London oder New York im Rollstuhlrennen am Start. Kannst du uns erzählen, wie sich die Reise, das Rennen und das ganze Drumherum mit dem Rollstuhl gestaltet?  

Grundsätzlich reise ich nie alleine an die Wettkämpfe. Meist ist mein Trainer dabei. Das hilft natürlich sehr, wenn es um Gepäcktransporte oder andere organisatorische Angelegenheiten geht. In den Flugzeugen werden wir in einem speziell schmalen Rollstuhl durch den Gang zum Sitz gebracht. Ansonsten hat der Rollstuhl keinen weiteren Einfluss auf die Reise, die Wettkämpfe etc. Eine spezielle Herausforderung, der wir uns immer wieder stellen, sind die kurzfristigen Reisen. An die Marathons reise ich am liebsten sehr kurzfristig an und reise dann möglichst schnell wieder ab. Aus touristischer Sicht ist das natürlich sehr schade, da ich von den Orten kaum etwas mitbekomme, aber aus sportlicher Sicht macht es für mich Sinn. Denn so kann ich den Jetlag weitgehend umgehen. Ich kann mich in gewohnter Umgebung möglichst lange vorbereiten, eine gute Leistung erbringen und mich dann schnell wieder erholen.