Interview mit Ruedi Wild

9. September 2016

Seit Jahren feiert Ruedi Wild grosse nationale und internationale Erfolge. So war er beispielsweise mehrere Male Team Weltmeister (2009 und 2010), Europameister (2012 und 2014) oder insgesamt 6x Schweizermeister im Triathlon und Duathlon. Sein letztes Top-Resultat erzielte er mit einem dritten Rang Anfang September an den Weltmeisterschaften in Mooloolaba/Australien über die 70.3 Strecke. Gespannt sein darf man nun auf seinen ersten Auftritt am Ironman in Hawaii! 

Vor wenigen Tagen hast du dein wertvollstes internationales Resultat erzielt. Wie hast du das Rennen erlebt? Was war für dich der Schlüssel zu diesem Erfolg?  

Das Rennen war sehr intensiv, nicht nur körperlich, sondern auch mental. Ich musste 100% konzentriert sein, vom Startschuss bis zum vermeintlichen Schlusspurt nach 4h, und in allen 3 Disziplinen eine top Leistung abrufen. Bis zum Schluss konnte ich mir sogar Hoffnungen auf den WM Titel machen. Der Wettkampfort in Australien ist für mich mit vielen positiven Erinnerungen verbunden, da ich bereits an den Weltcups auf der Kurzdistanz jeweils schöne Erfolge feiern konnte. Mit diesem tollen Erfolg kommt nun eine weitere schöne Erfahrung dazu. 

Der Schlüssel zum Erfolg lag an mehreren Dingen: Ich absolvierte eine gezielte, mehrwöchige Vorbereitung, während der ich auf die meisten Wettkämpfe verzichtete und die Energien aufs Training und die dazugehörende Erholung fokussierte. Dazu gehörte auch eine Trainingspause von knapp 10 Tagen im Juni, um auch mental wieder voll erholt zu sein. Gerade hier haben die meisten Athleten noch Entwicklungspotential. 

Die Ausgeglichenheit in den 3 Disziplinen sorgte dafür, dass ich von Anfang an bei den Spitzenleuten war und nie wertvolle Sekunden aufholen musste, die dann die Kräfte entsprechend schwinden lassen nach den ersten Stunden. Die Antizipation des Rennens, nicht nur wegen der Gewichtung der drei Disziplinen in der Vorbereitung, sondern auch in Bezug auf das Verhalten während des Rennens selber, ist wohl meine grösste Stärke. 

Du warst in deiner Karriere bis jetzt über alle Distanzen erfolgreich. Welches sind in deinen Augen die wichtigsten drei Gründe für deine Erfolge? Was könnten Hobbytriathleten kopieren?  

  1. Konsistenz im Training. Viele Athleten meinen, es gäbe eine Art „Geheimtraining“, das den Unterschied ausmache. Weitaus wichtiger ist jedoch Konsistenz über Tage, Wochen, Monate und Jahre. Dazu braucht es auch Geduld, Motivation und vor allem Spass an der Sache!
  2. Ständiges Weiterlernen und Optimieren in sämtlichen leistungsrelevanten Bereichen (inklusive kritisches Hinterfragen des bisherigen). Auch heute noch berufen sich vielleicht 95% der Trainer, sogar auch auf den höchsten Ebenen, auf Erkenntnisse aus der Trainingslehre zum Beispiel, die 20 Jahre und mehr zurückliegen (etwa mit der gängigen Periodisierung). Dasselbe in der Allgemein- und Wettkampfernährung. Aufgrund meiner persönlichen Erkenntnisse und Erfahrungen in der Praxis ist dies aber völlig überholt. Auch aus diesem Grund habe ich mich entschieden, in Zukunft zusammen mit meiner Frau entsprechende Dienstleistungen über unsere neue Unternehmung „Tri Wild – Health, Nutrition and Performance“ anzubieten.
  3. Verhältnis Belastung/Entlastung. Der richtige Mix macht es aus! Die meisten planen zwar ihre Belastungen beziehungsweise Trainings, vergessen aber, dass die Erholung genauso wichtig ist und geplant werden muss, vor allem in Bezug auf den meist stressigen Alltag im Arbeitsleben. Dazu gehören etwa Schlaf, Ernährung, aber auch der gesunde Umgang mit dem Sport als solches. Viele Athleten sind viel zu verkrampft und versteifen sich auf ihren Trainingsplan, den sie als halbes Heiligtum betrachten. Dies äussert sich sogar bei den 80% lockeren Einheiten. Sie vergessen dabei häufig auch den Spass an der Sache und das gemeinsame Trainieren, etwa mit Freunden und Gleichgesinnten. Ohne diese Erlebnisse würde ich selber heute wohl kaum mehr Spitzensport betreiben.

Seit 16(!) Jahren bist du Mitglied der Schweizer Triathlon-Nationalmannschaft. Welches sind die grössten Veränderungen, die der Triathlon-Sport in dieser Zeit erfahren hat? Und wie musstest du dein Training, bzw. deine Taktik ändern?  

Der Triathlon hat sich enorm entwickelt, nicht nur in seiner Anerkennung und Popularität in der Allgemeinheit. Auf dem Wettkampf-Level sticht vor allem die gestiegene, enorme Dichte an Athleten hervor (siehe beispielsweise die Rangliste der 70.3 WM Australien). Auf dem Profi Level kann man sich keine Schwäche mehr leisten. Die Athleten sind heute von Beginn an Triathleten. Quereinsteiger aus anderen Sportarten sind enorm selten geworden, da sie beispielsweise meist das nötige Schwimmlevel nicht mehr erreichen können. 

Das Training und die Taktik orientieren sich stark an den eigenen Voraussetzungen sowie den Stärken und Schwächen. Im Gegensatz zu früher trainiere ich wohl etwas weniger, dafür nochmals zielgerichteter und nutze meine grosse Erfahrung. Ich spüre, wie ein Training auf mich wirkt und was es braucht, um in Form zu kommen. Dabei stresse ich mich weniger, wenn es mal nicht so läuft, und ich das eine oder andere Training auslassen muss. 

Mein Training ist heute auch stärker kraftorientiert. Ich absolviere sogar während der Saison meist 2 intensive Krafttrainings pro Woche mit Freigewichten. Dabei könnte ich wohl sogar mit vielen Bodybuildern mithalten ;-) Mit meiner Frau, die Sportphysiotherapeutin ist, bin ich hier in den besten Händen. Sie konnte mich auch von dieser neuen Reizsetzung überzeugen, obwohl ich anfangs (wie wohl die meisten Ausdauersportler noch heute) noch etwas skeptisch war. Heute bin ich überzeugt, dass dies wohl der Hauptgrund ist für meine weitere Leistungssteigerung in den letzten Jahren, trotz fortgeschrittenem Athletenalter. 

Eine Woche vor einem Wettkampf werden die meisten Athleten nervös, wagen Experimente oder versuchen Verpasstes nachzuholen. Wie sieht bei dir das Training in einer Wettkampfwoche typischerweise von Tag zu Tag aus?  

Je nach Wichtigkeit des Wettkampfes sieht die unmittelbare Vorbereitung etwas anders aus. Die meisten Wettkämpfe bestreite ich aus dem Training heraus, ohne gross Rücksicht zu nehmen. Da der Freitag normalerweise mein Ruhetag ist, kann ich mich jeweils genügend für den Sonntag erholen und halte das Training am Samstag eher kurz. 

Vor wichtigen Wettkämpfen, wie etwa der 70.3 WM, mache ich ein Tapering. Meist wird das Training 2 Wochen vor dem Race stark reduziert, dabei setzt in der Regel auch eine grosse Müdigkeit ein – ein gutes Zeichen, so weiss ich, dass mein Körper entsprechend adaptiert. Die letzte Woche versuche ich dann, wieder in den normalen Trainingsrhythmus zu kommen, den mein Körper gewohnt ist. Die Trainings sind aber meist nur etwa halb so lange wie normal. So fühle ich mich immer frisch und würde am liebsten jeweils noch anhängen. Mitte der Woche, normalerweise am Mittwoch und Donnerstag, folgen dann noch je eine wettkampfspezifische Belastung in den drei Disziplinen. Diese sind immer etwas unterschiedlich, und ich höre dabei auf meinen Körper. Nicht mehr übertreiben, einfach ein gutes Gefühl kriegen… Die zusätzliche Zeit nutze ich für den einen oder anderen Kaffee mit meinen (Sport)Kollegen und die mentale Vorbereitung auf das Rennen und die dortigen Herausforderungen.