Interview mit Sandra Gasser

17. Mai 2016

Sandra Gasser war in den 80er-Jahren die stärkste Schweizer Mittelstreckenläuferin, ehe ihre Karriere durch eine mysteriöse Doppinggeschichte jäh gestoppt wurde. Heute trainiert sie zusammen mit ihrem Mann unter anderem Maja Neuenschwander, die erfolgreichste Schweizer Marathonläuferin und eine Gruppe von hoffnungsvollen Nachwuchsläufern.

Du bewegst dich immer noch viel in der Leichtathletik- und Strassenlaufszene. Welches sind deine drei wichtigsten Tipps, mit denen sich Läuferinnen und Läufer jeglichen Alters verbessern können?

  1. Regelmässigkeit: Wer immer dran bleibt und ohne Unterbrechungen trainiert, wird belohnt. 
  2. Häufigkeit: Je häufiger pro Woche gelaufen wird, desto schneller stellt sich der Erfolg ein. 
  3. Reize setzen: Es gilt, den Körper mit abwechslungsreichem Training immer wieder aufs Neue zu einer Anpassung und damit zu einer Verbesserung zu zwingen. Unter abwechslungsreich verstehe ich verschiedene Tempi, variierende Zeitdauer, unterschiedliche Strecken, verschiedenes Profil (coupiert, flach). 

Als Athletin hast du viele Praxiserfahrungen gemacht. Nun erhältst du durch dein Amt als Trainerin Einblicke in die Theorie. Was würdest du in deiner Aktivkarriere anders machen, wenn du das Rad der Zeit zurückdrehen könntest?

Grundsätzlich würde ich nicht wirklich viel ändern, denn so schlecht war es nicht;-) Ich sehe aber spontan drei Punkte, die ich ändern würde:

  1. Bezüglich Regeneration würde ich mir aber die heutigen Erkenntnisse zunutze machen. Denn da hätte ich sicher noch Potential gehabt. Ich denke konkret an diverse Therapieformen oder Regenerations-Shakes.
  2. Ich würde versuchen, bewusster den Moment zu geniessen und zu schätzen. Als Athlet lebt man wie in einem Hamsterrad. Nach einer neuen Bestzeit, strebt man bereits nach der nächsten. Stattdessen sollte man den Moment geniessen und sich dem Erreichten bewusst sein/werden. 
  3. Ich würde die Freude im Fokus haben und nicht irgendjemandem etwas beweisen wollen. 

Die Leichtathletik steht momentan in einem schiefen Licht. Das Thema Doping ist allgegenwärtig. Was müsste sich in deinen Augen ändern, damit gute Leistungen nicht pauschal unter Verdacht gestellt werden?

In der Schweiz sind wir auf einem sehr guten Weg. Es gibt aber zwei Probleme: Erstens geht es um zu viel Geld, weshalb die IAAF nicht wirklich etwas unternimmt. Zweitens ist es jedem Land selber überlassen, wie es kontrolliert. Das bedeutet, viele Länder, beziehungsweise deren Verbände, sind in einem Dilemma. Sie wollen einerseits herausragende Leistungen und erfolgreiche Athleten, anderseits eine reine Weste. Beides zusammen ist aber nur schwer möglich. Ein Lösungsansatz ist deshalb weltweit eine neutrale Kontrollstelle. So würde das Vertrauen beim Zuschauer steigen, und Athleten wären bei guten Leistungen nicht sofort unter Verdacht.

Viele Eltern wollen das Beste für ihre Kinder und lassen sie schon früh spezifisch trainieren. Welches sind deine Tipps, damit es möglichst gut kommt?

  • Kinder sollen möglichst vielseitig (viele Sportarten) und spielerisch mit Spass trainieren. Neue Bewegungen, neue Reize, lernern, lernen, lernen.
  • Spezialisierung soll im Laufbereich erst mit 16 Jahren erfolgen.
  • Eltern sollten ihre eigene Erwartungshaltung zurückstellen und nie pushen oder Druck aufsetzen.
  • Entwicklung der Basis (Grundlagenausdauer) muss im Vordergrund stehen, damit Karriere langfristig erfolgreich wird.
  • Wahl eines gut ausgebildeten Trainers. Kontrolle: Wie viele seiner Athleten sind im Erwachsenenalter erfolgreich. Das ist die Garantie, dass richtig trainiert wird.