Interview mit Selina Büchel

5. Januar 2016

Schritt für Schritt hat sich 800m-Läuferin Selina Büchel an die Weltspitze hervorgearbeitet. Ihre Entwicklung ist beeindruckend: Innerhalb von vier Jahren verbesserte sich die Toggenburgerin von 2:04.25 auf 01:57.95 und erzielte an den Weltmeisterschaften den 10. Rang. Wir haben nachgefragt. 

Mit dem Schweizer Rekord von 01:57.95 bist du mitten in der Weltelite angelangt. Was sind in deinen Augen die drei wichtigsten Elemente, die dich leistungsmässig auch in der neuen Saison weiterbringen?

Ausdauer, Speed und gesund bleiben sind die drei wichtigstem Elemente. Die Herausforderung als 800-m-Läuferin besteht darin, dass ich gleichzeitig ausdauernd, aber auch schnell sein muss. Das ist ein gewisser Widerspruch im Training. Ich benötige eine gute Ausdauerbasis, um mich gut zu erholen. Im Winter komme ich auf 60 bis 80 Trainingskilometer pro Woche, im Sommer sind es ca. 50 Kilometer. Gleichzeitig muss ich trotz diesen Umfängen permanent an meinem Speed arbeiten. Zudem ist natürlich ganz zentral, dass ich trotz möglichst viel Training gesund bleibe. Ich achte also sehr genau auf Zeichen meines Körpers, um die Grenzen auszuloten, aber sie nicht zu überschreiten. 

Über 800 Meter sind Athletinnen von allen Kontinenten vorne mit dabei, weil die Anforderungen an die konditionellen Faktoren komplexer sind als auf den ganz kurzen oder langen Strecken. Wie sieht eine normale Trainingswoche von dir aus? Welche Konditionsfaktoren gewichtest du wie stark?  

Insgesamt stehen in einer normalen Trainingswoche 12 Trainingseinheiten auf dem Programm, in der Wettkampfphase wird die Zahl der Einheiten entsprechend reduziert. Die Gewichtung ist abhängig von der Trainingsphase. Im Normalfall stehen pro Woche rund 4 Dauerläufe, 2-3 intensive Belastungstrainings, 2-3 Sprintblocks, 2-3 Sprungeinheiten und 1 Krafttraining auf dem Programm. Ich kombiniere dabei oft mehrere Elemente in eine Einheit, zum Beispiel Sprünge mit einem anschliessendem Bahntraining. Zu diesen Elementen kommen laufend Beweglichkeits-, Fusskräftigungs und Stabi-Übungen dazu. Sie sind sehr wichtig, damit der Körper auf die Trainingsbelastungen vorbereitet ist. 

Laufen ist in und Volksläufe boomen. Du bist wettkampfmässig aber insbesondere auf der 400m-Bahn unterwegs. Was macht für dich der Reiz der Tartanbahn aus und warum sollten Hobbyläufer zumindest für intensive Einheiten das Oval aufsuchen?

Ich selber absolviere nur 1 bis 2 Trainings pro Woche auf der Rundbahn. Für ein Schwellentraining von 3 mal 10 Minuten benötige ich zum Beispiel keine Rundbahn, da laufe ich viel lieber in der Natur. Für Hobbyläufer gibt es selbst für intensive Trainings aus meiner Sicht schönere Alternativen auf Wald- oder Feldwegen. Wer aber lernen will, unter hoher Anstrengung regelmässig zu laufen und fokussiert zu bleiben, der ist auf der 400m-Bahn am richtigen Ort. Denn das Tempo kann alle 100 Meter kontrolliert werden. 

Viele Hobbyläufer möchten gerne mal 100 oder 200 Meter in deinem Wettkampftempo (2:27min/km) laufen können. Mit welchen drei Tipps klappt das diese Saison?  

Gut Aufwärmen, damit es keine Zerrung gibt (schmunzelt). Im Ernst: Um 200 m unter 30 Sekunden zu laufen, braucht es natürlich eine gewisse Grundschnelligkeit. Mit Sprints und Steigerungsläufen nach einem Lauftraining kann am Speed gearbeitet werden. Grundsätzlich empfehle ich solche technischen Läufe all jenen, die ihr Laufniveau verbessern möchten. 

Im Sommer stehen die olympischen Spiele in Rio auf dem Programm. Wie bereitest du dich auf die speziellen Bedingungen vor Ort vor und wie sieht deine Vorbereitung in den Monaten davor aus?  

Der Fokus ist bereits jetzt ganz auf die Olympischen Spiele in Rio ausgerichtet. Ich plane im Januar und April zwei Trainingslager in Italien, den Rest der Vorbereitung absolviere ich bei mir zu Hause. Eine Woche vor dem Olympia-Vorlauf reise ich dann nach Rio. Das ganze Training zielt darauf ab, dass ich in Rio möglichst gut in Form bin. Deshalb bestreite ich dieses Jahr auch keine Hallen-WM. Ich bin in der Vergangenheit immer gut mit unterschiedlichsten Bedingungen klar gekommen. Ich benötige also keine sehr spezifische Vorbereitung auf die Bedingungen vor Ort, sondern will mich möglichst normal vorbereiten. Natürlich gibt es dann vor Ort gewisse Elemente zu beachten, beispielsweise bezüglich Hygiene.