Interview mit Nicole Reist

17. Juli 2018

In weniger als 10 Tagen fährt Nicole Reist fast 5000 Kilometer quer durch Amerika und gewinnt überlegen das traditionelle Extrem-Radrennen «Race Across America». Schneller waren bloss zwei Männer!

4'939km, 53'400 Höhenmeter, 9 Tage 23 Stunden und 57 Minuten. Die Zahlen sind kaum zu fassen – schlicht beeindruckend. Wie hast du das Rennen erlebt?

Den grössten Teil des Rennens habe ich durchaus wahrgenommen. Trotz massivem Schlafdefizit gibt es nur wenige Abschnitte, die ich nicht bewusst erlebt habe. Das Race Across America fühlt sich an, wie ein Leben im Schnelldurchlauf – Hoch und Tiefs wechseln sich ab. Ich hatte (fast) keine Probleme und konnte meine Leistung auf den Punkt abrufen. Sehr hart waren die letzten 200km, da musste ich über mich hinauswachsen, damit ich mein Ziel von unter 10 Tagen noch realisieren konnte.

Deine Durchschnittsgeschwindigkeit betrug – die Pausen eingerechnet – über 20km/h! Wie bereitet man eine solche Leistung vor? Wie sieht dein Training aus?

Es dauert Jahre, bis der Körper und der Kopf für solche Leistungen bereit sind. Angefangen hat alles mit einem 24h-Rennen. Danach kamen Rennen von 1‘000km – dann 2‘200km bis zu den legendären 5‘000km. Beim RAAM 2016 war ich fast 1.5 Tage länger unterwegs, als in diesem Jahr. Grossen Einfluss hatten dabei die minutiös geplanten Abläufe der Pausen, welche auf ein Minimum reduziert wurden. Ich habe 11 Pausen gemacht, dabei kamen knapp 9 Stunden Schlaf zusammen.

Die Ausdauer ist das eine, doch mein Training besteht nicht nur aus Grundlagentraining, sondern auch aus harten, langen Intervallen. So fahre ich beispielsweise 1' locker / 1' voll am Anschlag / 1' locker / 2' am Anschlag / 1' locker / 3' Anschlag - dies bis 1:7 und dann die Pyramide wieder zurück. Das Ganze kann dann auch gut mal 2h rauf und runter gehen.

Der Verpflegung kommt bei einer solchen Belastung eine tragende Rolle zu. Was isst und trinkst du in welchen Intervallen während den 10 Tagen?

Beim Getränk setze ich seit Jahren auf die Produkte von Sponser. Ich ernähre mich soweit als möglich von fester Nahrung. Neben Riegeln von PEAKPUNK kommen Sponser-Gels zum Einsatz. Ansonsten alltägliche Lebensmittel wie Reisflockenbrei und Reis, welche ich während dem Fahren aus Plastikbeuteln esse.

Wer sich einer solchen Herausforderung stellt und diese erfolgreich meistert, muss über besondere Fähigkeiten verfügen. Kannst du uns erklären, was bei dir während dem Rennen mental abläuft? Wie reagierst du auf Schwächephasen? Wie auf die Monotonie? Wie auf den fehlenden Schlaf?

Besondere Fähigkeiten habe ich nicht, abgesehen davon, dass ich vielleicht eine fast übermenschliche Eigendisziplin habe und bereit bin, für meine Träume und Ziele alles zu geben. Das ist die Grundlage, damit solche Ziele erreicht werden können, denn es steckt sehr viel harte Arbeit dahinter.

Nicht nur das körperliche Training, sondern auch das Mentaltraining ist ein wesentlicher Teil. Als Athletin bin ich mir bereits vor dem Rennen bewusst, dass Schwächephasen kommen werden – genau so weiss ich aber auch, dass diese vorbeigehen werden. Wenn ich in diesem Moment ein Problem habe bedeutet das nicht, dass ich es auch in 100km noch habe. Das Fokussieren ist für mich ein wesentlicher Teil: Mein Fokus liegt immer auf dem Positiven und auf den Dingen, die ich beeinflussen und ändern kann. Das Wetter kann ich z.B. nicht beeinflussen, also darf ich auch keine Energie dazu verschwenden, mich über das Wetter zu ärgern.

Die Monotonie wird mir durch das Betreuerteam (in Amerika 11 Personen) genommen. Wir führen Gespräche, machen Witze, hören Musik, singen etc. Die Müdigkeit ist irgendwann ein ständiger Begleiter. Wichtig ist, dass Körper und Kopf bereit sind, mit dieser umzugehen, und ich mir auch immer bewusst bin, dass dieser Zustand absehbar ist und im Ziel wieder behoben werden kann.

Gibt es einen Geheimtipp, den du uns preisgeben kannst? Einen Trainings-, Ernährungs- oder Erholungstipp zum Beispiel?

Das Wichtigste ist, Freude an dem zu haben, was man macht. Nur wenn man sich aus eigener Überzeugung ein Ziel setzt, ist man auch bereit, alles dafür zu geben. Der Sinn für ein Ziel muss von mir selber kommen und nicht von aussen. Der Körper sagt uns mehr, als wir hören wollen – je besser ich auf meinen Körper höre, desto besser die Zusammenarbeit mit ihm. Im Training verlasse ich oft meine Komfortzone, um die Grenze so weit wie möglich nach oben zu verschieben. Im Rennen kann ich dann viel länger innerhalb der Komfortzone fahren, ohne den Körper ins Elend zu bringen.