Interview mit Silvan Dillier

6. November 2018

Bilder: Yves PERRET / www.ypmedias.com

2006 wurde Silvan Dillier erstmals Schweizer Meister im Strassenrennen der Jugend. Seither gewann er auf der Bahn und auf der Strasse diverse Titel. So richtig bekannt wurde er in der Schweiz aber weder dadurch, noch durch seinen Etappensieg am Giro d’Italia, sondern durch seinen zweiten Platz bei Paris-Roubaix, dem härtesten Radrennen der Welt.

Mit einem mutigen Rennen hast du dieses Jahr beinahe ein Monument des Radsports gewonnen und musstest dich schlussendlich nur Peter Sagan im Spurt geschlagen geben. Wie hast du «deinen» Tag im April erlebt? Kannst du uns Einblick in dein Rennen und deine Gefühlswelt geben?

Ich würde sagen, Paris-Roubaix ist das schönste Rennen, um in der Spitzgruppe zu sein. In der Spitzengruppe hat man keine Positionskämpfe wie im Peloton und kann seinen Rhythmus über die Pavés fahren. Ich habe es geschafft, mich mit ein paar Fluchtgefährten vom Feld abzusetzen und die Kopfsteinpflastersektoren „gemütlich“ anzufahren. Dass ich am Ende mit Peter Sagan ins Velodrom und um den Sieg sprinten musste, war Fluch und Segen zu gleich. Zusammen mit ihm bin ich erst in die Lage gekommen, um um den Sieg zu fahren, aber gegen ihn im Sprint zu gewinnen, war eine Herkulesaufgabe.

Seit diesem Jahr fährst du für ein französisches Team. Wo sind die grössten Unterschiede zu deinem früheren Schweizer Arbeitgeber BMC? 

BMC hatte eine Amerikanisch/Englisch-Schweizerische Philosophie. Alles war sehr genau geplant, Fehler und Probleme wurden direkt analysiert und Lösungen gesucht. Die Franzosen sind da légèrer und familiärer eingestellt. Auch wir fahren mit meinem Team AG2R La Mondiale in der höchsten Liga, der World Tour. Daher ändert sich im Rennkalender nicht sehr viel. Ich habe aber teamintern weniger «Konkurrenz», habe so mehr Freiheiten und kann eine Aktion wie in Paris-Roubaix einfacher starten. 

Wie sieht das Training eines Veloprofis aus? 

Eine „normale“ Trainingswoche gibt's bei uns nicht. Wir haben zwischen 80-100 Renntage im Jahr und sind ca. 200 Tage im Jahr unterwegs. Zu Hause geht es darum, sich vom Rennen zu erholen. Entweder hat man wenig Umfang (20h/Woche) dafür sehr intensiv, oder bis zu 35h/Woche, dafür eher im Ausdauerbereich. Wie das Training ausschaut hängt von den Zielen der kommenden 2-3 Rennen ab und den 1-2 Höhepunkten im Jahr.

Zur Veranschaulichung mein Trainingsprotokoll, eine Woche vor der Tour de France:

Mo: 2h und 52km lockere Ausfahrt mit Kaffeepause.
Di: 4h30min und 147km mit Triathlet und Trainingskollege Jan van Berkel, Zeitfahrintervalle (4x8min + 4x6min + 4x4min tiefer Schwellenbereich jeweils 2-3min Pause)
Mi: Reisetag nach Frankreich, kein Training
Do: 1h45min und 55km lockere Ausfahrt
Fr: 1h45min und 67km Besichtigung der Mannschaftszeitfahrstrecke (Etappe 3 Tour de France)
Sa: 4h50min und 204km Etappe 1. Tour de France
So: 4h25min und 188km Etappe 2. Tour de France

Welches sind deine drei wichtigsten Trainingstipps für einen Hobbyradrennfahrer?

  1. Trainiere hart, nur ausserhalb deiner Komfortzone wirst du besser.
  2. Erhole dich genug und höre auf deinen Körper.
  3. Radsport ist eine Disziplin, in welcher nicht nur der Stärkste gewinnt, sondern auch der Schlaue zum Erfolg kommen kann.

Gibt es einen Geheimtipp, den du uns preisgeben kannst? 

Wenn ich den Geheimtipp zum Erfolg hätte, würde ich jedes Rennen gewinnen, :-)! Train hard - race smart - race’s easy.