Interview mit Marc Hirschi

29. Januar 2019

Zum ersten Mal überhaupt hat mit Marc Hirschi ein Schweizer Gold im Strassenrennen der Kategorie U23 gewonnen. Der Berner, welcher im Juli bereits Europameister wurde, siegte solo, nachdem er seine letzten zwei Begleiter in der Abfahrt mit einem Angriff überraschte.

Wie hast du «deinen» Tag in Innsbruck erlebt? Kannst du uns Einblick in dein Rennen und deine Gefühlswelt geben?

Die WM in Innsbruck war ein ganz spezieller Tag mit persönlich hohen Erwartungen. Da meine Saison bis anhin schon sehr gut lief, konnte ich das Rennen mit einer gewissen Gelassenheit angehen. Zudem waren wir als Team sehr stark aufgestellt. Im ersten Teil des Rennens versuchte ich, möglichst viele Kräfte zu sparen. Dies gelang mir ausgezeichnet und gab mir Selbstvertrauen. Auf den finalen 4 Runden versuchten wir als Team taktisch clever zu agieren. So nutzten wir die Abfahrt, um die anderen in Schwierigkeiten zu bringen. Etwas überraschend konnten wir uns mit einer kleinen Gruppe, in der vier Schweizer vertreten waren, vom Feld lösen. In der folgenden Runde zerfiel unsere Gruppe jedoch wieder wegen Uneinigkeiten. Ich liess mich in die Verfolgergruppe zurückfallen. Meine zwei Teamkollegen jedoch waren noch vorne. Dies war perfekt für uns: Ich profitierte von ihnen und sie von mir. Schlussendlich schlossen sich die Gruppen am letzten Anstieg wieder zusammen. Jetzt ging es richtig zur Sache und wurde enorm hart. Ich fühlte mich aber immer noch gut. Oben an der Steigung angekommen waren wir nur noch 3 Fahrer. Ich wollte aber nicht zu früh in die Offensive gehen. So wartete ich auf die Abfahrt und lancierte meine finale Attacke. Ich kannte die Abfahrt in- und auswendig und konnte schnell ein Loch aufreissen. Die letzten Kilometer durch Innsbruck war ich absolut am Limit. Einen Kilometer vor Schluss blickte ich zurück und sah, dass es reicht. Dies war ein unglaubliches Gefühl.

Dein Sieg war das Resultat einer besonders starken Schweizer Teamleistung. Welches sind in deinen Augen ganz allgemein die drei Schlüssel, die zu sportlichem Erfolg führen?

Für sportlichen Erfolg müssen ganz viele Sachen zusammenpassen. Wenn ich dies auf 3 Schlüssel herunterbrechen müsste, wären dies Ehrgeiz, um das Trainingspensum durchzustehen, ein gutes Körpergefühl, damit ich weiss, wann wie viel Training angebracht ist und ein gutes Umfeld, damit ich mich voll und ganz auf den Sport konzentrieren kann.

Wie sieht das Training eines Veloprofis aus? Kannst du uns eine beispielhafte Trainingswoche aus deinem Trainingsalltag nennen? Zum Beispiel jetzt, in der Vorbereitung auf die Frühjahrsrennen? 

Das Training eines Radprofis kann von Woche zu Woche sehr unterschiedlich sein. Grundsätzlich überwiegt aber das Grundlagentraining. Dies ist eine Trainingswoche aus dem Teamtrainingslager im Januar:

Tag 1: 4.5h Grundlagen Training mit 2x10min Tempo-Intervalle
Tag 2: 5h mit Teamzeitfahr-Intervallen (1x 10min Tempo + 2x10min Renntempo)
Tag 3: 6.5 - 7h Grundlagen in den Bergen
Tag 4: lockere Kaffeefahrt
Tag 5: 4.5h mit 2x15-20min Gruppen-Bergintervalle im Schwellenbereich, letzter Kilometer all out
Tag 6: 5h 2x10min Tempo-Intervalle + 1x10min Wechselspiel unter-/überschwellig
Tag 7: 6h Grundlagen in den Bergen

Welches sind deine drei wichtigsten Trainingstipps für einen Hobbyradrennfahrer?

  1. Bei Zeitmangel konzentriere dich auf kurze intensive Einheiten.
  2. Gönne deinem Körper nach der Belastung genügend Zeit zur Anpassung. Denn dank der Ruhe wird man besser.
  3. Gestalte das Training möglichst abwechslungsreich und spannend.

Gibt es einen Geheimtipp, den du uns preisgeben kannst? 

Einen speziellen Geheimtipp habe ich nicht. Ich denke, das Wichtigste ist, auf seinen Körper zu hören und im richtigen Moment hart zu trainieren, dem Körper aber im Nachhinein auch die nötige Ruhe zu geben.