Interview mit Marlen Reusser

8. Mai 2018

Vor vier Jahren hat Marlen Reusser die Leidenschaft für den Radsport entdeckt. Mittlerweile hat sie nationale Erfolge feiern können und sogar die Schweiz an den Weltmeisterschaften im Einzelzeitfahren vertreten!

Deine Sportkarriere begann erst vor wenigen Jahren. Eine Lizenz hast du erst im letzten Jahr zum ersten Mal gelöst. Welches sind in deinen Augen rückblickend auf diese kurze Zeit die wichtigsten Erfolgsfaktoren?

Gute physische Voraussetzungen, Gesundheit, Optimismus, Leidenschaft, Disziplin und Bereitschaft zu Leiden, ein gutes Umfeld mit tollen Freunden und Familie, ein fähiger und passender Trainer, Organisationsfähigkeit, Kreativität, Wertschätzung.

Du bist ganz neu im Radsportzirkus. Welches sind die technisch, taktisch und leistungsmässig die grössten Herausforderungen gegen die routinierten Fahrerinnen? 

Im Zeitfahren sind es das Pacing und die Kurventechnik. Ich glaube, es dauert viele Jahre bis man optimale Strategien entwickelt hat und sich so gut kennt, dass man ein Zeitfahren ideal fahren kann. Gerade das Mentale finde ich hier spannend. 

Bei schon zuvor mangelhafter Kurvenfahrtechnik, habe ich nach meinem Sturz in einer Kurve auf nasser Strasse an der letzten Europameisterschaft dort einiges aufzuholen. Fährt man Kurven schlecht, verliert man einerseits direkt Zeit und muss andererseits zusätzlich Energie aufwenden, um nur schon wieder auf eine Geschwindigkeit zu kommen, die andere einfach "gratis" aus der Kurve mitnehmen. 

In den Strassenrennen fehlt mir noch einiges an Erfahrung und Kenntnis. Es ist schwierig, sich richtig zu positionieren. Gleichzeitig solltest du einen Überblick über das Geschehen halten. Du musst wissen, welche Fahrerinnen stark sind und diese dann im Auge haben. Wenn etwas geschieht, musst du innerhalb von Sekundenbruchteilen entscheiden. Es fordert mir viel Mut ab, mich in diesen Tumult zu begeben und ist immer ein grosser Nervenkitzel. Richtige Sprints habe ich erst einige wenige gesehen. Ich werde noch viel lernen und freue mich darauf. 

 

Vor wenigen Wochen hattest du einen schweren Unfall mit einer Beckenringfraktur. Wie sieht dein Weg zurück aus? Welches sind dein Learnings und Anpassungen?

Mein Weg zurück besteht vor allem aus Geduld. Ich nutze die Zeit für schöne Dinge, philosophiere und bin - wenn auch körperlich am quängeln - absolut glücklich. Auf diese ersten Monate des Nichts-Tuns werden Monate des Aufbaus folgen, auf die ich mich schon sehr freue. Es ist ein schönes Projekt, einen degenerierten Körper wieder auf Top-Niveau zu bringen und für mich auch als Medizinerin spannend. Was ich daraus lerne, würde den Rahmen hier sprengen. Ich bin froh um solche Ereignisse im Leben. Sie schulen dich und geben dir eine neue Perspektive. 

Anpassen sollte ich vielleicht meine Falltechnik bei Stürzen :)

Du bist nicht nur sportlich, sondern auch politisch und beruflich sehr aktiv. Wie bringst du alles unter einen Hut? Wie sieht dein Zeitmanagement aus? Welches sind deine Tipps für stark eingespannte Hobbysportlerinnen und -sportler?

Ich habe auch noch viel zu lernen! Wichtig ist wahrscheinlich, dass man die Dinge tut, die man gerne macht und die Finger von den anderen lässt, so sehr sie auch als erstrebenswert gelten mögen. Ich habe Glück, dass mir sowohl mein Job, wie auch der Sport gefallen und sich perfekt ergänzen. Wenn ich arbeite, vergesse ich den Sportzirkus komplett und umgekehrt. Grundsätzlich ist es mir aber zeitlich gesehen zu viel. Die Möglichkeiten, einfach mal nichts zu tun, fehlen. Mein Tipp an "eingespannte Hobbysportlerinnen" und mich selber ist wohl "weniger ist mehr". 

 

Gibt es einen Geheimtipp, den du uns preisgeben kannst? Einen Trainings-, Ernährungs- oder Erholungstipp zum Beispiel.

Lasst all das Protein- und Superfood-weiss-nicht-was-Zeugs! Die Menschen machen sich verrückt mit Körperschema und Ernährung. Und die Industrie lacht sich ins Fäustchen. Alles kann man mit Extra-Protein kaufen, sogar Kaffee. Ich weiss nicht, ob ich das zum Lachen oder Weinen finden soll. Kaum jemand weiss, dass manche Pasta mehr Proteinanteil hat als bspw. Quark. Ich bin seit Kindesbeinen Vegetarierin und ernähre mich regional und saisonal, einfach mit dem, was wir haben. Dabei esse ich nach Lust und Laune und habe grosse Freude daran! Gleichzeitig bin ich kerngesund und muskulös, ein Wunder, haha :D. 

Zur Erholung bade ich meine Beine gerne in eiskaltem Wasser oder strecke sie nach oben.

Foto: ZVG