Interview mit Patrik Wägeli

19. Dezember 2017

Patrik Wägeli startete seine sportliche Karriere als OL-Läufer und schaffte es bis ins Schweizer Junioren National Kader. In der Folge wechselte er zu den Strassenläufern und schaffte Ende Oktober in Frankfurt in seinem sechsten Marathon mit 2:17:02 die EM-Limite. 

Du hast deine Bestzeit um sechs und die EM-Norm um zweieinhalb Minuten unterboten. Kannst du uns erklären, wie diese Zeit zu Stande gekommen ist? 

In den letzten 2 Jahren habe ich mich mehr auf den Sport fokussiert und in diesem Jahr  alles dem Ziel EM 2018 untergeordnet. Seit 2014 habe ich meine Trainingszeit um rund 50 Prozent gesteigert, meine Arbeit sowie mein Umfeld dem Sport angepasst. In Folge dessen wusste ich, dass ich schneller werden muss. 

Ich fühlte mich gut in Form und wusste, dass ich in Frankfurt bei guten Bedingungen eine Zeit um 2h18min laufen kann. Zwei Hürden gab es jedoch an jenem Tag zu bewältigen. Zum einen waren starke Windböen bis zu 80 km/h angesagt und es gab nur eine Gruppe, welche die erste Hälfte in 68 min und eine weitere, welche in 70 min die ersten 21km bewältigen wollten. Bei so starkem Wind war für mich klar, dass ich nicht alleine laufen will. Ich habe mich entschieden bei der schnelleren Gruppe einzusteigen. Von Anfang an fühlte ich mich super. Nach 20km schaute ich erst das zweite Mal bewusst auf die Uhr, ich vertraute dem Tempo der Gruppe. Bei der Halbmarathonmarke lief ich mit meiner bisherigen Halbmarathon PB durch. In diesem Moment war ich mir sicher, dass ich an diesem Tag in der Lage war eine schnelle Zeit zu laufen. Die Gruppe bestand bis zu Km 25 aus 10 bis 15 Läufern. Ab Km 34 war jeder der Gruppe dann alleine unterwegs. Ich merkte zu jenem Zeitpunkt, dass ich schon ziemlich am Ende meiner Kräfte war, war mir jedoch sicher, dass ich auch die verbleibenden 8km noch durchbeissen kann. 

Du hast dich über die letzten Jahre kontinuierlich gesteigert. Welches sind in deinen Augen die wichtigsten Faktoren für den Erfolg?

Ich denke das Wichtigste um erfolgreich zu sein, ist es ein Ziel anzupeilen und alles für dieses Ziel zu machen. Dazu gehören regelmässige Trainings, ein gut durchdachter Trainingsplan, Durchhaltewillen und ein dem Sport angepasstes Umfeld. Man muss den Erfolg wollen und den Mut haben sich ein grosses Ziel zu setzen. Mit kleinen Zielen, gibt es auch nur kleine Erfolge und man wird nicht wirklich schneller oder besser. So ist es zumindest bei mir.

 

 

Du bist Meisterlandwirt und läufst bis zu 220km pro Woche. Wie sieht dein Arbeits- und Trainingsalltag aus?

Ich trainiere auf ein grosses Ziel hin und weiss, dass ich dieses nur erreichen kann, wenn ich meinen Trainingsplan einhalte und die Trainings absolviere.

Auf dem Landwirtschaftsbetrieb, welchen ich mit meinem Vater führe, arbeiten je nach Saison 2-7 Personen Vollzeit. Dies entspricht pro Person und pro Woche etwa 55h Arbeit. Ich arbeite Teilzeit auf dem Hof, wie aber auch Teilzeit als Ortsagent bei einer Versicherung. Mein Training ist im Tageszeitplan gleichgestellt wie eine Arbeit auf dem Hof, welche zwingend von mir erledigt werden muss. 

In der Regel arbeite ich von 6 Uhr bis 18.30 Uhr. In meinen Tagesablauf sind jedoch auch 1 bis 3 Trainings integriert. So komme ich auf ein Arbeitspensum von rund 60-70 Prozent.

Ein Arbeits- und Trainingstag von mir: 

06:00 Uhr: Kühe melken und Pferde füttern
07:15 Uhr: Frühstück
07:30 Uhr: Pflügen / Säen / Düngen oder andere Feldarbeiten
10:00 Uhr: Dauerlauf 17km und Krafttraining
12:15 Uhr: Mittagessen
13:15 Uhr: Büroarbeiten / Kundenberatungstermine
14:30 Uhr: Feldarbeiten
17:15 Uhr: Intervalltraining / zweites Lauftraining oder Alternativtraining

Deine Wurzeln liegen im OL, was in der Regel mit einer lebenslänglichen Verbundenheit einhergeht. Aus welchen Gründen hast du der Sportart den Rücken gekehrt? Was macht für dich die Faszination des Strassenlaufs aus?

Auch heute finde ich OL noch immer eine geniale Sportart. Ich bin sehr froh darüber, dass dieser Sport meine Jugendzeit geprägt hat. Im Orientierungslauf stehen in der Saison mindestens jedes zweite Wochenende ein bis zwei Wettkämpfe an. In der Elite muss man zudem sehr oft im Ausland trainieren. Beim Marathon hingegen kann ich fast alle Trainings zu Hause oder in der Region absolvieren und mich gezielt auf einige wenige Wettkämpfe im Jahr vorbereiten. Einerseits kann ich so mit meinem Vater den Hof weiterführen und andererseits gefällt es mir sehr, während einem halben Jahr gezielt auf einen Wettkampf zu trainieren. 

Gibt es einen Geheimtipp, den du uns preisgeben kannst? 

Hart und viel trainieren ist sehr wichtig aber nur sinnvoll wenn auch Pausen und viel Abwechslung im Training vorhanden sind.

Das Training darf jedoch nur so hart sein, dass der Körper und vor allem der Kopf am Tag X bereit ist alles zu geben. Die Leidensbereitschaft sollte man sich für den wichtigen Wettkampf aufsparen.