Schneller mit Gegner

24. Januar 2019

Es ist nicht zufällig, wenn wir im Wettkampf schneller laufen, fahren oder schwimmen als im Training. Doch was sind die Gründe?

Jeder Ausdauersportler kennt das: Man bereitet sich konsequent und ernsthaft auf einen Wettkampf vor, arbeitet hart und fühlt sich irgendwann in Topform. Beim letzten Testlauf vor dem Ernstfall macht sich dann aber Ernüchterung breit. Die Marathonläufer stellen entgeistert fest, dass sie selbst auf der halben Distanz langsamer pro Kilometer gelaufen sind als beim City-Marathon vor zwei Monaten über die volle Distanz. Und die Radfahrer müssen erkennen, dass sie den Berg während des letzten Rennens deutlich schneller bezwungen haben. Wofür das ganze Training…? 

Keine Panik nach Trainingsleistung

Dass Sportler im Training nur sehr selten ihre Wettkampfleistungen abrufen können, ist ein altbekanntes Phänomen. Neu ist allerdings die Erkenntnis, dass vor allem solo trainierende Ausdauersportler deutliche Diskrepanzen zwischen Trainings- und Wettkampfzeiten verzeichnen.

Erklärungen wie „während eines Anlasses ziehen dich die Konkurrenten“, „der Rennmodus motiviert Körper und Geist“ und „Leiden geht nur im Wettkampfmodus“ sind sicherlich zutreffend, nur erklären sie nicht, warum man im direkten Wettbewerb mit dem Gegner wirklich schneller wird und anscheinend über seine antrainierten Leistungskapazitäten hinaus gelangen kann. 

Im Laufe der letzten Jahre haben sich daher Sportwissenschaftler in diversen Studien verstärkt mit diesem Phänomen beschäftigt. Eine spannende Studie zum Thema veröffentlichte vor zwei Jahren der niederländische Sportwissenschaftler Marco Konings, die er im Laufe des letzten Jahres mit weiteren Versuchen untermauerte. Konings untersuchte in erster Linie die Auswirkungen von physischer und psychischer Müdigkeit auf ein Duell bzw. auf den Wettbewerb. 

Der Wahl-Engländer arbeitete dabei mit trainierten und an Rennsituationen gewöhnten Radfahrern, die zwei vier Kilometer lange Strecken mit maximal möglichem Tempo fuhren – einmal alleine und einmal mit virtuellem Gegner. Wie nicht anders zu erwarten, waren die Fahrten gegen die virtuellen Gegner deutlich schneller als die Fahrten alleine. So weit, so vorhersehbar. Konings und seine Kollegen von der Uni Essex gingen jedoch einen Schritt respektive eine Pedalumdrehung weiter: Sie nahmen bei jedem Radfahrer vor und nach dem Test eine Kontraktionsprobe der Beinmuskulatur. Mit elektrischer Stimulation konnte so ermittelt werden, wie viel zusätzliche Kraft den Muskeln entzogen wurde. 

So wurde die periphere und zentrale Müdigkeit gemessen: Wie viel schwächer ist der Muskel als solcher nach der jeweils absolvierten Strecke und wie viel schwächer ist der Impuls aus dem Gehirn an die Muskeln? Konings und sein Team konnten nachweisen, dass die zentrale Müdigkeit im Gehirn bei der Solofahrt und bei der Fahrt gegen den virtuellen Gegner in ungefähr gleichen Teilen sank (nur 1,5 Prozent Unterschied). Spannend wurde es bei der peripheren, muskulären Müdigkeit: Sie war nach den Zweikämpfen um sieben Prozent höher als bei der Solofahrt. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass mehr Leistung abgerufen werden konnte durch den Umstand, dass man sich in einem Duell befand. 

Der Jagdinstinkt im Mensch?

Wie ist das möglich? Manche Wissenschaftler verweisen auf eine Art Jagdinstinkt, der noch aus grauen Vorzeiten in uns schlummert. Und gerne werden auch Endorphine „ins Spiel“ gebracht, die immer dann für relativ kurze Zeit zum Einsatz kommen, wenn wir unsere Belastungsgrenzen überschreiten. Bildlich gesprochen: Wir rennen oder fahren mit maximaler Leistung gegen einen ungefähr gleich starken Gegner, freuen uns über unsere Performance und setzen dabei Schmerzstiller frei, die wiederum den Körper kurzfristig darüber hinweg täuschen, dass gerade überproportional viel Leistung von ihm abverlangt wird. 

Eine andere These beruht auf Tests, die während harter Trainingseinheiten in unterschiedlichen Sportarten durchgeführt wurden. Demnach senden Metaboliten Signale ans Hirn, die als Schmerz interpretiert werden. Je länger man diese Schmerzsignale ignorieren kann, desto mehr Leistung wird freigesetzt. Und scheinbar schafft man es einfacher, die Signale zu ignorieren, wenn man einem realen oder virtuellen Gegner hinterherjagt – oder selbst gejagt wird. 

Mehr Rennsituationen im Training

Wie auch immer man es betrachtet: Sportler sind im Wettbewerb mit anderen, möglichst ähnlich schnellen Konkurrenten offensichtlich rein physiologisch zu mehr Leistung fähig. Was wir im Prinzip  auch schon immer gewusst haben. Daher stellt sich die Frage, welchen Nutzen Sportler aus diesen Erkenntnissen ziehen können? 

Insbesondere Athleten, die viel oder ausschliesslich alleine trainieren, sollten sich bei aller Liebe zur individuellen „Ruhe“ im Training regelmässig Wettkampf- bzw. Vergleichseinheiten unter Rennbedingungen aussetzen. Dies erleichtert einerseits durch die vermutlich schnelleren Zeiten die Einschätzung einer reellen „Wettkampfform“. Und dazu setzen solche Einheiten im Training wichtige Akzente zur Leistungssteigerung. 

Das Verhalten des Gegners spielt bei diesen Vergleichseinheiten eine elementare Rolle. Denn der beeinflusst durch eine Vielzahl von Faktoren – ähnlich wie im Wettkampf – die Leistung seines Kontrahenten nachhaltig. So kommen Konings und andere Sportwissenschaftler zum Schluss, dass es „für eine zukünftige Erforschung der Wirkung von Gegnern auf die Regulierung der Trainingsintensität“ ratsam sei, die Gegner im Zusammenhang mit ihren sozialen Leistungen, Charaktereigenschaften usw. zu verstehen. Gleichzeitig seien persönliche Aspekte des Trainierenden einzubringen – denn es komme eben darauf an, externe Faktoren wie Sportlerverhalten und interne Aspekte wie die erwähnte periphere und zentrale Müdigkeit zu manipulieren. 

Wie auch immer: Auf jeden Fall wünschenswert sind Sportduelle mit schnellen Freunden, die einen fordern, einem aber auch verzeihen, falls man schneller ist.