Das tiefe Loch nach dem Wettkampfhoch

22. November 2018

Monatelang hat Kurt motiviert und zielstrebig daraufhin trainiert, ist abends oft mit dem Gedanken daran eingeschlafen und am Morgen mit dem Gedanken daran aufgewacht. Dieser wichtige Marathon ist über all die Monate die Motivation für konsequentes Training, vieles andere wird neben dieser absoluten Priorität zweitrangig und unwichtig. Die sozialen Kontakte finden hauptsächlich mit gleich gesinnten Sportlern statt, die Gesprächsthemen drehen sich ums Training und ums grosse Ziel. 

Das Bewusstsein enormer physischer und psychischer Kraft verleiht ein gutes Körper- und Selbstwertgefühl und irgendwie befindet sich Kurt in all dieser Zeit der intensiven, zielgerichteten Vorbereitung in einer Art High, in einer eigenen Welt. Aufgeladen die Muskeln mit Kraft und die Seele mit Freude und Emotionen. 

Und jetzt, endlich, ist die Frucht reif, die Zeit der Ernte gekommen, der ersehnte Tag angebrochen: der Wettkampf mit der immensen Anstrengung, dem unglaublichen Über-sich-Hinauswachsen und der emotional kaum fassbaren Ankunft im Ziel. Mit der riesigen Freude und den Endorphinen, die Kurt in einen sagenhaften Glückstaumel versetzen und in nie geahnte emotionale Sphären katapultieren. Es folgen die Stunden und Tage danach, wo die Müdigkeit zwar durchbricht, die Endorphine aber immer noch ihren verrückten Tanz aufführen. 

Tabuthema «Postbelastungssyndrom»

Bei vielen Hobbysportlern dauert das Postwettkampfhoch zwar auch langfristig an, sorgt für neue Power im Alltag und geht praktisch nahtlos in die Euphorie der Vorbereitung aufs nächste Ziel über. Doch bei nicht wenigen Sportlern flaut die Glücksflut ab, bricht die Müdigkeit mit tonnenschwerem Gewicht herein, sie fallen in ein psychisches Loch und fragen sich: Und nun?
Die Wissenschaft kennt das Phänomen, dass bei Übergängen von einer Lebensphase in die andere die Gefahr einer Krise besonders gross ist. Und für einen Sportler entspricht die Situation, wenn von einem Moment zum anderen das sportliche Ziel und damit die Motivation vorbei sind und der Inhalt wegbricht, zwei unterschiedlichen Lebensphasen.

Das Gefährliche daran: Gesprochen wird über das Phänomen Depression nach dem sportlichen Höhepunkt kaum, denn wen es betrifft, der zieht sich zurück, leidet und schweigt. Physisch ist ein Postbelastungssyndrom kaum festzustellen, keine körperlichen Veränderungen sind messbar. Interessant dabei: Das Phänomen Depression nach einem sportlichen Höhepunkt ist häufiger bei Breitensportlern zu beobachten. Im Spitzensport kennt man diese Problematik meist erst von der Zeit nach dem Karriereende oder nach einem einschneidenden Misserfolg. 

Dennoch weiss auch der Ex-Marathon-Crack Viktor Röthlin, wovon die Rede ist. «Man kann nach einem entscheidenden Wettkampf schon in ein psychisches Loch fallen. Das ist bis zu einem gewissen Grad natürlich und hat mit der geistigen und körperlichen Entspannung nach einem Wettkampf, also nach der enormen Anspannung zu tun.» Die gezielte Erholung, die sachte Wiederaufnahme des Trainings und das nächste Ziel vor Augen liessen die temporären Durchhänger beim ehemaligen Spitzenläufer aber nie bis in die Region depressiver Zustände entgleiten. 

Spitzensport ist auch Beruf

Vielleicht deshalb, weil im Spitzensport der Sport gleichzeitig häufig auch Beruf ist und der Wechsel zwischen Höchstleistung und Ruhephase weniger abrupt ausfällt als beim Breitensportler, der kurzfristig den Sport in den Mittelpunkt stellt und nach dem Erreichen des grossen Ziels seine Prioritäten wieder neu ordnen muss. In der Wettkampfvorbereitung ist meist jede Minute verplant. Der Terminplan ist voll, aber alles macht Sinn. Man erledigt alles mit links. Nachher fehlt plötzlich die Struktur. Man stürzt sich in die Arbeit, aber die fühlt sich unter Umständen leer an. Alles fühlt sich leer an, der Sinn fehlt.

Wer die Symbiose von körperlicher und geistiger Arbeit sowie die Emotionen eines solchen Wettkampfs je kennen gelernt hat, ist versucht, wieder danach zu streben, diese wieder zu erleben. Oft sind solche Athleten exzessive Menschen. Sie müssen sich, wenn die Zeit der sportlichen Wettkämpfe vorbei ist, andere Herausforderungen oder Tätigkeiten suchen, bei denen sie ihren Lebenshunger und ihre Lebensintensität ausleben können. Viele vermissen aber, obwohl sie sich mit derselben Intensität in ein neues Gebiet oder eine Arbeit stürzen, das sportliche Körpergefühl und die sportliche Identität. Und oft werden dann neue sportliche Herausforderungen gesucht, noch länger, noch anstrengender, noch extremer. Eine gefährliche Spirale. 

Gezieltes «Debriefing»

Die psychische Verfassung nach einem sportlichen Höhepunkt ist eine Gratwanderung. Wieder auf Alltag umzustellen, ist nicht einfach. Es ist schmerzhaft zu sehen, dass die Vorbereitungsphase und der Wettkampf – sofern man zu jenen gehört, die alles andere ausgeklammert haben – nicht das eigentliche Leben waren, dass man in einer eigenen Welt lebte. 

Doch alles Negative hat bekanntlich auch seine positiven Seiten oder zumindest einen Sinn: Vielleicht sind Müdigkeit und Unlust ein Trick des Körpers, ein paar Gänge zurückzuschalten, denn er möchte sich nun endlich erholen. Eine natürliche Notbremse sozusagen. 

Um sich nicht gleich wieder ins nächste Sportabenteuer stürzen zu wollen und dem Tief nach der grossen sportlichen Herausforderung zu entkommen, kann ein geplanter „Debriefingsprozess“ helfen. Die Vorbereitungs- und Wettkampfeindrücke wirken lassen, sich mit Positivem wie Negativem beschäftigen, überlegen, was beim nächsten Mal anders laufen müsste, so kann man einen sportlichen Höhepunkt verarbeiten. 

Neben der mentalen Verarbeitung ist es zudem gleichzeitig wichtig, körperliche Erholungszeit zu planen und sich daran zu halten. Denn erst wenn der Körper sich erholt hat, kommt auch die Psyche wieder zu Kräften, erst dann ist die Verfolgung neuer Ziele sinnvoll. Umso wichtiger ist im Jahresablauf eine gezielte Wettkampfplanung, die Höchstleistung und Erholung in einem sinnvollen Wechselspiel miteinander verbindet.

Nicht nur nach einer einzelnen anstrengenden Trainingseinheit, sondern vor allem auch nach einer intensiven Wettkampfperiode ist der Ausspruch „In der Ruhe liegt die Kraft“ entscheidend, gerade im Sport. Ob mit Entspannungstechniken, malen, mit einem spannenden Buch – wichtig ist die Einsicht, dass Erholung nicht einfach «unnütze Zeit» ist, sondern mit Inhalten gefüllt und genossen werden kann. Erst dann gibt sie wirklich Kraft – sei es, für neue Ziele oder aber dafür, nicht ganz so tief ins schwarze Loch zu fallen.