Was Sportler nach einer Corona-Infektion beachten müssen

Rubén Oliver 8. Dezember 2020

Corona legt die Sportwelt lahm… doch sind die Massnahmen gerechtfertigt? Verläuft die Covid19-Infektion nicht in den allermeisten Fällen harmlos? Warum müssen professionelle Sportler vor jedem Einsatz einen negativen Test vorweisen? 

Eine Corona-Infektion sollte auf keinen Fall ignoriert werden. Erstens, weil es darum geht, die Infektionsketten einzudämmen. Und zweitens, weil die Langzeiteffekte auch auf junge Sportler auf keinen Fall unterschätzt werden sollten. Aus diesen Gründen sollte niemand die Schutzmassnahmen auf die leichte Schulter nehmen, denn Schutzkonzepte sind nur so gut wie ihre Umsetzung. So empfiehlt es sich beispielsweise, das Krafttraining ausserhalb der festen Trainingsgruppe auch mal mit Schutzmaske zu absolvieren, sofern es nicht sowieso so vorgegeben ist. Einzige Ausnahme bilden professionelle Sportler in ihren in der Regel überschaubaren Trainingsgruppen, die für sie eine Art Familie darstellen. Andere berufliche Kontakte gibt es da zurzeit fast keine, dennoch sollte die Zusammenstellung der Trainingsgruppen möglichst konstant bleiben und entweder mittels vorangehender Quarantäne oder PCR-Test ein Infektionsrisiko ausgeschlossen werden. 

Und was sind die möglichen Risiken für sonst in der Regel gesunde Leistungssportler? Viel Erfahrung haben wir mit dieser neuen Erkrankung noch nicht, doch der Befall scheint sich nicht allein auf die Lungen zu beschränken. Diverse Athlet klagen im Anschluss an eine symptomarme Corona-Infektion über anhaltende Müdigkeit und Leistungsminderung… doch was hat es auf sich? Und ist es gefährlich? 

Das Virus kann diverse Organe befallen

Die Möglichkeit eines Lungenbefalls durch Corona ist allen bekannt. Das Virus tritt über spezielle Rezeptoren ins Lungengewebe ein. Neben Husten können auch Lungenentzündungen die Folge sein, was zu Atemnot und anschliessend zu Vernarbungen und Funktionsverlust des Lungengewebes führen kann. Weiter kann eine Hyperreagibilität der Bronchien auftreten und auch weitere Organe wie Herz, Leber Nieren, das Nervensystem oder auch die Blutgefässe mit Ausbildung von Thrombosen können betroffen sein. 

Die Zahlen der bisherigen Studien sind nicht riesig. Eine Studie der Universitätsmedizin Frankfurt* mit hospitalisierten aber auch wenig symptomatischen Patienten, denen nach Abklingen der Corona-Symptome ein Herz-MRI gemacht wurde, zeigte überraschenderweise bei 60 von 100 Patienten einen Befall des Herzmuskels. Eine weitere Studie der Ohio State University** mit 26 College-Athleten mit leichten Symptomen konnte diesen Trend bestätigen. Auch zeigen Blutuntersuchungen häufig den Anstieg derselben Herzwerte wie bei einem Herzinfarkt. Die genaue Bedeutung dieser Befunde ist noch unklar, ob sie vorübergehend sind oder zur einer lebensgefährlichen Herzmuskelentzündung führen können. Obwohl die meisten Verläufe ohne gefährliche Komplikationen sind, empfehlen Herzspezialisten sorgfältige Abklärungen. 

Neben den Langzeitfolgen an Herz und Lunge werden aktuell auch anhaltende Symptome wie Müdigkeit und verminderte Leistungsfähigkeit, die mehr als 28 Tage andauern und als sogenanntes Long-Covid-Syndrom bezeichnet werden, weiter untersucht. Bei Unter-50-jährigen wird von ca. 10% Langzeitverläufen ausgegangen, bei Älteren rechnet man mit einer Häufigkeit der Langzeitfolgen von bis 20%. Diese als ‘Chronic fatigue’ bezeichnete Symptomatik ist bisher bei anderen Virusinfektionen wie dem Pfeifferschen Drüsenfieber oder der Chronischen Hepatitis C bekannt.

Bei der Rückkehr in den Trainingsbetrieb ist Vorsicht geboten

Die Schweizer Sportmedizin-Gesellschaft SEMS (Sport & Exercise Medicine Switzerland) hat gemeinsam mit dem Zürcher Universitätsspital und Swissolympic Empfehlungen*** zur Abklärung von Sportlern vor der Rückkehr in den Trainingsbetrieb abgegeben. 

Zusammengefasst kann man sagen: Wenn ein Leistungssportler positiv auf Corona getestet wird, sollte er in den 10 Tagen der Isolation ein absolutes Sportverbot einhalten, auch wenn er keine Symptome entwickelt.  Anschliessend sollte er sich vor Trainingsbeginn einer ärztlichen Kontrolle unterziehen, im Rahmen derer Blutuntersuchungen und eine Herzstromkurve (EKG) in Ruhe durchgeführt wird. Bei anhaltenden Lungensymptomen gehören zusätzlich ein Lungenröntgenbild und eine Lungenfunktionstestung zur Abklärung. Bei unauffälligen Befunden kann eine graduelle Trainingssteigerung bis zur vollen Sporttauglichkeit erfolgen. Sollten sich in diesen Untersuchungen Krankheitshinweise zeigen, ist eine spezialärztliche Untersuchung bei einem Lungen- oder Herzspezialisten nötig. Dort können dann weitere bildgebende Untersuchungen wie eine Computertomographie, ein Herzultraschall oder ein MRI angeordnet werden.

Regelmässige Testung macht Sinn

Die regelmässige Testung von Profisportlern vor ihren Einsätzen ist somit klar begründet, denn jede verhinderte Infektion senkt auch das Risiko von Langzeitfolgen. Für unseren Radprofi Silvan Diller bedeutete sein positiver Test in absoluter Topform Ende Juli ein grosses Ärgernis, weil er deswegen nicht nur seinen internationalen Rennstart am Klassiker Strade Bianche verpasste, sondern auch gleich noch 10 Tage in die Quarantäne musste.

Einem 30-jährigen Profi-Kampfsportler in der unmittelbaren Vorbereitung auf seine Olympiaqualifikationswettkämpfe von nächstem Januar erging es vergleichsweise nochmals deutlich schlechter. Wegen anhaltendem Husten und Atemnot musste eine Weiterabklärung der Lungen durchgeführt und sein Trainingsstart mehrmals nach hinten verschoben werden. Bei aktuell anhaltenden Erschöpfungszuständen und der deutlichen Leistungsminderung im Training ist eine Verschiebung des Qualifikationsturniers aufgrund der bestehenden Reiseeinschränkungen seine grösste Hoffnung, um nächste Saison seine Ziele erreichen zu können.

Jede Person, die einen leichten oder asymptomatischen Covid-Infekt durchmacht, sollte sich glücklich schätzen. Eine 10-tägige Trainingsbeschränkung ist im Verhältnis zu den möglichen Langzeitfolgen eine sehr überschaubare Zeitspanne.

Quellen:

* Puntmann VO et al. Outcomes of Cardiovascular Magnetic Resonance Imaging in Patients Recently Recovered From Coronavirus Disease 2019 (COVID-19). JAMA Cardiol. Published online July 27, 2020.

** Rajapal S el al. Cardiovascular Magnetic Resonance Findings in Competitive Athletes Recovering From COVID-19 Infection. JAMA Cardiol. Published online September 11, 2020.

*** Schmied CM et al. SARS-CoV-2 Return to training and competition Flowcharts (https://sems.ch/publikationen/covid-19flow-charts/)

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