Windschattenvorteil beim Marathon

4. September 2023

Foto: IMAGO

Die Bilder sind vielen noch präsent, als Eliud Kipchoge – angeführt von sich ständig abwechselnden Pacemakern – 2019 über Wiens Strassen flog und als erster Mensch eine Zeit von unter zwei Stunden für einen Marathon realisierte. Laut einer jüngst veröffentlichten Studie brachte der reduzierte Windschatten dem schnellen Kenianer über drei Minuten Zeitgewinn. Die Studie zeigte aber auch: Eine andere Anordnung der Pacemaker hätte noch mehr Potenzial.

 

5 Pacemaker für Kipchoge

Wie viel der Windschatten und die Aerodynamik ausmacht, ist aus dem Radsport hinlänglich bekannt. Im Laufsport hingegen wird der Luftwiderstand allgemein noch oft unterschätzt. Und dies, obwohl bei einem 5000-m-Lauf die Besten mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 24 km/h unterwegs sind, was dem Tempo einer zügigen Velofahrt gleichkommt. Und auch Eliud Kipchoge erreichte bei seinem Rekordlauf in Wien mit einem Durchschnittstempo von 21 km/h einen beeindruckenden Wert.

Logisch daher, dass im Vorfeld seines Rekordlaufs in Wien die Frage aufkam, wie man den Windschatten durch Pacemaker optimieren kann. Vor Ort waren beim Rekord insgesamt 41 Weltklasseathleten im Einsatz, darunter auch die Ingebrigtsen-Brüder aus Norwegen und der Schweizer Julien Wanders. Die Pacemaker lösten sich in einer klar vorgegebenen V-Formation ständig ab, um Kipchoge möglichst viel Windschatten zu bieten. Immer fünf Läufer rannten umgekehrt pfeilförmig in drei Reihen vor Kipchoge: die zwei vordersten ganz aussen, die zwei dahinter leicht nach innen versetzt und einer direkt vor Kipchoge (Bild).

Messungen im Windkanal

Maschinenbauingenieur Massimo Marro von der École Centrale de Lyon wollte genau wissen, wie viel Zeitgewinn die optimale Formation der Pacemaker effektiv bringt. Er stellte das ganze Wien-Setting kurzerhand in den Windkanal und machte verschiedene Messungen mit beweglichen Läuferpuppen im Massstab 1:10. Die Erkenntnisse veröffentlichte er im Fachblatt «Proceedings of the royal Society A» (www.royalsocietypublishing.org).

Die wichtigsten Resultate: Die in Wien praktizierte Anordnung reduzierte den Luftwiderstand von Eliud Kipchoge um etwa die Hälfte, was sich laut Studie in einem Zeitgewinn von drei Minuten und 33 Sekunden äussert. Laut Marro und seinem Team hätte man in Wien allerdings noch mehr herausholen können, wenn man eine andere Formation gewählt hätte. Ganz zuvorderst zwei Läufer hintereinander, dann zwei Nebeneinander und schliesslich einer direkt vor Kipchoge; dies hätte laut Studie einen zusätzlichen Zeitgewinn von 49 Sekunden gebracht.

Bei all den Berechnungen stellen sich aber auch kritische Fragen: Wenn alleine der Windschatten bereits dreieinhalb Minuten ausmachen soll, man dazu noch die kolportierten rund 2-3 Minuten Zeitgewinn durch die Karbon-Superschuhe und noch einmal einige Sekunden durch alle zusätzlichen Optimierungen (wie Kurvenerhöhung und Lichtvorgaben) dazu nimmt, wäre der Superläufer Eliud Kipchoge in Wien ja schlussendlich «nur» etwa in einer Zeit von 2:07 Stunden unterwegs gewesen, also etwa so schnell wie Viktor Röthlin bei seinem Schweizer Rekordlauf ohne Windschattenblocker und Superschuhe…

So simpel und exakt lassen sich die einzelnen Puzzlesteinchen eines Marathonlaufs demnach nicht quantifizieren. Die 2-Stundengrenze wird aber wohl erst dann Realität werden, wenn genügend gute Pacemaker in der richtigen Formation den Windschatten für den (oder die) potenziellen Rekordläufer optimieren. Mal schauen, was sich der Berlin-Marathon diesbezüglich einfallen lässt.