Interview mit Florian Vieux

30. Juli 2019

Nach 2013 und 2016 holte sich der 32-jährige Walliser zum dritten Mal den Schweizer Meistertitel über 100 km bei den Bieler Lauftagen. Ein überlegener Sieg von Vieux, dessen Stärke mehrtägige Etappenläufe sind. Mit 7:01:13 Stunden verpasste er die von ihm angestrebte Spitzenzeit von unter 7 Stunden nur knapp.

Wie hast du «deinen» Tag (oder deine Nacht) erlebt? Wie war dein Lauf, was hast du gefühlt?

An den Tagen vor dem Lauf wurde ich immer nervöser, auch wenn ich eigentlich keinerlei Druck hatte. Aber weil ich mich so intensiv auf den grossen Tag vorbereitet habe, gingen mir 1000 Dinge durch den Kopf. Ich habe mich zum Beispiel gefragt, was mir der Lauf bringen könnte und ob ich für die 100 km frisch genug wäre. Erst als ich in Biel angekommen bin, hat sich meine Nervosität gelegt. Ich habe die Zeit zusammen mit meiner Familie und meinen Freunden genossen, bis um 22 Uhr der Startschuss fiel.

 

Das Rennen war sehr speziell, weil zwei Läufer wie die Wilden gestartet sind. Schnell habe ich mich zwischen ihnen und dem Hauptfeld wiedergefunden und letztendlich bin ich 98 der 100 km alleine gelaufen. Zum Glück ist eine Velobegleitung erlaubt - das macht es um ein Vielfaches leichter.

Die ersten 40 km habe ich mich richtig gut gefühlt. Aber zwischen km 45 und 55 hatte ich eine grosse Krise. Ich habe alles negativ gesehen und hatte wirklich Mühe, mich aus dieser Negativspirale zu befreien. Was mir geholfen hat, war zum einen die Velobegleitung, aber auch die positive Musik und meine Spitzenposition. Das, und die vielen bekannten Gesichter am Strassenrand haben mich in totale Euphorie versetzt.

Du bist die 100 km in der «Nacht der Nächte» mit durchschnittlich 4:13 Min./km gelaufen. Wie sah dein Trainingsprogramm aus? Was ist deine Trainingsphilosophie?

Ich trainiere 5 - 6 Mal pro Woche zwischen 9 und 20 Stunden. Drei Ausdauereinheiten - in der Regel in Dreierblöcken und mit einer Einheit in einer Alternativsportart (Rad oder Skiwandern) - werden mit einer mittleren Einheit mit Marathon-Pace und einer sehr intensiven Einheit - häufig auf der Bahn kombiniert. Dazu kommt noch eine Krafteinheit.

Allgemein kommt mir meine Vergangenheit als Hochleistungs-Schwinger zu Gute - sowohl im Mentalbereich, als auch bei der Grundkondition. Durch diesen Sport wirst du härter und kräftiger. Ich trainiere junge Schwinger in meiner Region und betreibe den Sport auch selbst nach wie vor gerne. 

Was sind deiner Meinung nach die Schlüssel zum Erfolg?

Spass am Laufen ist das Wichtigste. Ohne Spass wird es schwierig. Aber man muss auch hart zu sich selbst sein können, wenn es notwendig ist. Bei intensiven Trainingseinheiten muss man sich selbst übertreffen können und seinen Körper so daran gewöhnen, über seine Grenzen zu gehen. Und wenn du hart trainierst, erscheint dir das eigentliche Rennen danach einfacher.

 

Viele Läufer spielen mit dem Gedanken, mindestens einmal im Leben an einem Ultralauf teilzunehmen. Was sind deine wichtigsten Tipps, damit dieses Vorhaben gelingt?

Wer ein solches Projekt in Angriff nimmt, muss bereit sein, 100 % zu geben, um diese Ziele zu erreichen. Es reicht nicht, «nur» zu laufen. Auch Kraft, Beweglichkeit und Geschwindigkeit wollen trainiert werden.

Und man sollte die Trainingsdosis schrittweise steigern, damit Freude und Leidenschaft nicht auf der Strecke bleiben, sondern immer grösser werden.

Und natürlich braucht es Training, sehr viel Training. Jedoch sollte Qualität immer vor Quantität kommen.

Gibt es einen Geheimtipp, den du uns preisgeben kannst?

  • Habt keine Angst vor hohen Intensitäten und dem roten Bereich. Das ist der einzige Weg, euren Körper zu stimulieren und ihn an das nächste Level zu gewöhnen.

  •  Probiert während dem Lauf keine neuen Getränke oder neuen Gels aus.

  • Fordert Euren Körper nicht mit zu vielen Wettkämpfen. Gönnt ihm nach den intensiven Phasen eine Pause, damit er danach wieder Lust auf ein hartes Training hat.

Foto: ZVG